Montag, 29. Mai 2017

REZENSION: Hinter dem Schein die Wahrheit


Titel: Hinter dem Schein die Wahrheit
Autorin: Claudia Breitsprecher
Seiten: 302

Verlag: Krug und Schadenberg



Kurzinhalt:

Seit ihrer Kindheit verbindet sie eine enge Freundschaft: die eigenwillige Annette Vogl, die in Konventionen gefangene Karin Schmitz und den Außenseiter Holger Baumgartner. Annette entdeckt ihre Liebe zu Frauen, Karin strebt eine Karriere beim Ballett an und Holger möchte Pfarrer werden, aber die strengen Regeln der katholischen Provinz legen ihnen Hindernisse in den Weg, die sie in ihrer Jugend nicht überwinden können.
Als viele Jahre später Karins 17-jähriger Sohn Jacob von Gleichaltrigen verprügelt wird und fürchtet, dass die Schläger ihn als schwul outen, taucht er unter, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Karin ruft Annette und Holger zu Hilfe, und die Suche nach dem Jungen wird für alle drei zum Anlass, sich den Schatten der Vergangenheit zu stellen. Was lange verborgen blieb, drängt ans Licht und ruft Erinnerungen wach an verlorene Liebe, vergebene Chancen und die Suche nach einem Platz in der Welt. Die Gefühle wirbeln durcheinander, und mit jeder Stunde, die Jacob verschwunden bleibt, spitzt sich die Lage zu ...


Meine Meinung:

Ich liebe Bücher, die in der speziellen Atmosphäre eines Dorfes spielen - Dörfer, die ihren eigenen Regeln und Gesetzen folgen und durch ihre innere Abgeschlossenheit oft unüberwindbar scheinende Schranken in die Herzen ihre Bewohner gepflanzt haben.

Solch eine Umgebung ist vor allem eins: Klein. Auch im Denken.

Bis heute scheint es insofern leider noch undenkbar, sich in einer solchen Umgebung als homosexuell zu outen.
Schlimmer noch: geoutet zu werden.

Als Mitschüler das Handy von Jacob stehlen, befürchtet er genau das.

Tatsächlich sind es in diesem konservativen Dorf ausgerechnet die modernen Medien, die ihm zum Verhängnis werden können: In Zeiten des Internets ist es ein Leichtes Informationen innerhalb von Sekunden mit zahlreichen Menschen zu teilen.
Und im Prinzip unmöglich, diese zurück zu holen.

Kopflos sieht er seinen einzigen Ausweg zunächst darin, abzutauchen und im Dorf von der Bildfläche zu verschwinden.


Doch es ist eigentlich nicht Jakob, der im Mittelpunkt dieses Buches steht, auch wenn alles mit diesem seinem Verschwinden beginnt.

Vielmehr führt das Ausbrechen aus der Beschaulichkeit der Dorfatmosphäre, zu einem Spalt, den er damit in die verschlossenen Türen des Dorfes schlägt (symbolhaft auch auf dem Cover des Buches dargestellt), aus dem mit jeder Buchseite die Erinnerungen der Generation vor ihm drängen, die lange Zeit dahinter verschlossen schienen.

Tatsächlich verbirgt dieser titelgebende "Schein" letztlich nur "die Wahrheit".

"Sie betrachtete das glückliche Kindergesicht, hielt es fest, so lange sie konnte, bis es verblasste und im Auf und Ab der krzen Wellen verschwand. Das Wasser schwappte im Weiher, die Angst schwappte unter ihrer Haut. " (s. 140)

Denn auch seine Mutter, deren beste Freundin und ihr gemeinsamer Freund Holger waren in den 70er und 80er Jahren mal Kinder, Jugendliche und SchülerInnen in diesem Dorf.

Und je länger man liest, umso deutlicher wird es, dass jeder der Protagonisten auf seine eigene Art durch diese Umgebung und seine Bewohner geprägt worden ist - und in gewisser Weise weiterhin gefangen.

Erst indem sie sich nun nach und nach ihrer Vergangenheit stellen, gelingt es ihnen, über neue Wege nachzudenken.

Claudia Beitsprecher versteht es in diesem Kontext wieder meisterlich, lebendige und komplexe Figuren zu zeichnen, die derart realistisch wirken, dass man froh ist, mit dem Buch in der Hand auf der heimischen Couch zu liegen und nicht Bewohner so eines Dorfes zu sein.

Und bewundert sie gleichzeitig für ihre Beobachtungsgabe, die solch eine Authentizität in jedes ihrer Bücher zaubert.



Fazit:

Auch wenn das Buch sicher noch einige Wendungen hätte beinhalten können, scheint es nur folgerichtig, dass man den Protagonisten in ihren langsam aufbrechenden Denkstrukturen zum Schluss hin Auswege eröffnet und nicht noch weitere Steine in den Weg legt.


Bereits von mir von Claudia Breitsprecher rezensiert:

Dienstag, 23. Mai 2017

REZENSION: Johnny Sinclair - Beruf: Geisterjäger


Titel: Johnny Sinclair - Beruf: Geisterjäger
Autorin: Sabine Städing
Seiten: 272
Verlag: Bastei Entertainment



Kurzinhalt:

Als Johnny Sinclair eines Tages einen sprechenden Schädel findet, ändert sich sein Leben schlagartig. Erasmus von Rothenburg, so der Name des ehrwürdigen Schädels, ist weit gereist und wahnsinnig gebildet. Vor allem mit Geistern kennt er sich aus wie kein Zweiter. Für Johnny ist endlich klar: Die Geister, die er zu sehen glaubt, gibt es offenbar wirklich! Und so steht sein Geschäftsmodell bald fest: Wer sonst als ein junger Schotte aus dem legendären Sinclair-Clan könnte als Geisterjäger bestehen und dem Bösen den Kampf ansagen? Doch so einfach ist es leider nicht. Denn niemand nimmt einen 11-jährigen Geisterjäger wirklich ernst. Das soll sich allerdings schon sehr bald ändern ...



Meine Meinung:

Man muss John Sinclair, den großen Geisterjäger nicht kennen, um Johnny Sinclair zu mögen. Tatsächlich ist es schön, dass es sich hierbei um einen eigenständigen kleinen Kerl handelt und nicht etwa um das kindliche Alter ego des bekannten Serienstars.

Zwar spielt sein Namensvetter durchaus eine Rolle, aber Johnny Sinclair, 12jähriger Bewohner einer ziemlich gruseligen Burg im nebligen Schottland, möchte selbst ein berühmter Geisterjäger werden.

Die Geister dazu sind schon da und stehen ihm ständig im Weg, wenn er in sein Zimmer will oder schlafen. Johnny ist diesbezüglich ziemlich unerschrocken, auch wenn er sich schon das eine oder andere Geister-Vertreibungs-Equipment seines großen Vorbildes wünscht, um mal in Ruhe durch die Burg zu laufen.

Tatsächlich findet er mit dem "sprechenden Schädel" sein eigenes hilfreiches Utensil im Moor und mit der Selbstverständlichkeit eines Kindes reinigt er es von allem Dreck und führt er fortan ziemlich lustige Gespräche mit dem bemalten Ding.

Die Tatsache, dass sein Kindermädchen eine recht schräge Mambo (Geisterbeschwörerin und Vodoo-Priesterin) ist, die er immer mal wieder unterstützen muss, indem er selbst für ein paar Special Effect bei ihren staunenenden Kunden sorgt, trägt sicher einiges zu seiner Unerschrockenheit bei.

Auf jeden Fall ist er als Identifikationsfigur für Kinder mehr als geeignet - und das nicht nur, weil ihn in der Schule kaum jemand mit seinen "Geistergeschichten" ernst nimmt und er einiges an Hohn und Spott einstecken muss.

Auch das Titelbild hat mir sehr gut gefallen, auch wenn "Beruf: Geisterjäger" im Untertitel vielleicht noch etwas verfrüht ist.



Fazit:

Hat alle Zutaten für ein gelungenes Kinderbuch: eine gehörige Portion Spannung, charmante Sympathieträger und viel Humor. Manchmal wünscht man den Geistern nur noch etwas mehr Eigenleben und Charakter - ähnlich wie es man es aus den Harry-Potter-Büchern kennt.

Sonntag, 21. Mai 2017

REZENSION: Mein Wille geschehe


Titel: Mein Wille geschehe
Autorin: Jennifer Benkau
Seiten: 400 Seiten

Verlag: Lübbe


Kurzinhalt:

Derya steckt nach der Scheidung von ihrem grausamen Mann in einer Krise. Immer mehr zieht sie sich in ihre eigene Welt zurück und lässt kaum jemanden an sich heran - bis eines Tages ihre Jugendliebe Jakob wieder vor ihr steht. Auch nach all den Jahren hat er nichts von seinem damaligen Charme eingebüßt, und zum ersten Mal seit langer Zeit ist Derya endlich wieder glücklich. Aber zeitgleich mit Jakobs Auftauchen beschleicht sie immer öfter eine unbestimmte Angst. Sie hat das Gefühl, beobachtet zu werden, und bald ist sie sich sicher, dass jemand sie verfolgt. Ist ihr Ex-Mann hinter ihr her? Doch dann offenbart Jakob Derya ein furchtbares Geheimnis, das sie daran zweifeln lässt, ob sie ihn wirklich kennt ...



Meine Meinung:

Der Kurzinhalt des Buches hatte mich sehr angesprochen. Jeder von uns kennt wohl Situationen, die einen so verletzen, dass man sich komplett zurückzieht. Wenn man dann noch das Gefühl hat, dass die Vergangenheit einen einholt, ist der Plot für einen Psychothriller da.

Leider erschien mir die Ausführung weniger gelungen: Denn tatsächlich erfährt man im Buch aber kaum, was genau in der Ehe von Deryia passiert ist.
Zwar wird immer wieder angedeutet, dass sie schrecklich war, aber darüber hinaus gibt es eigentlich kaum Informationen.

Das geht soweit, dass man einen Zettel von ihrem Exmann an Derya liest und sie sagt, dass er sie darin wieder bedroht und man sich als Leser fragt: Wo war denn da jetzt die Drohung? Hab ich die überlesen?

Was man anfangs noch als von der Autorin gewollt annehmen kann, zieht sich jedoch wie ein roter Faden durch das ganze Buch. Das hat mir große Schwierigkeiten gemacht, mich überhaupt mit der Figur der Derya "anzufreunden", geschweige denn mit ihr mitzuleiden. Zu verwirrend wirkt dafür auch oft ihr Denken und Tun, was sich dadurch nicht immer nachvollziehen lässt.

Lange schleppt sich die Handlung so dahin, ohne das wirklich Spannung aufkommt. Das macht es schwer, das Buch immer wieder in die Hand zu nehmen und weiterzulesen. Erst im letzten Drittel nimmt die Geschichte etwas Fahrt auf, wird aber immer verwirrender.

Eine Figur im Buch sagt, dass Bücher oft mehr beinhalten, als man anfangs glaubt. Bis zum Schluss habe ich gehofft, dass sich diese Weisheit irgendwie noch erfüllt.

Zwar liest sich der Schreibstil der Autorin gut und auch die Idee vom "Buch im Buch" ist interessant (sowohl Derya als auch Jakob sind Autoren und man darf nach und nach im Manuskript lesen), dennoch bleibt man seltsam enttäuscht zurück.

Zu plötzlich ist der Schluss dann da, auch wenn er unweigerlich zu einigem Nachdenken führt.


Fazit:

Ich hab selten ein Buch aus der Hand gelegt, von dem ich nicht wirklich sagen kann, ob ich es mag oder nicht. Hier möge sich jede(r) selbst ein Urteil bilden.

Donnerstag, 27. April 2017

REZESNION: Die fünfte Frau (Hörspiel)

Titel: Die fünfte Frau
Autor: Henning Mankell
Länge: 2 CD, 110 min.
Sprecher: Ulrich Pleitgen, Anne Weber u.a.

 Kurzinhalt:

1993 werden in Algerien fünf Frauen in einem Kloster grausam ermordet. Vier waren Nonnen, eine ("Die fünfte Frau") war eine zufällig dort anwesende schwedische Touristin.

Ein Jahr später soll Wallander die brutalen Morde an verschiedenen Männern aufklären. Die Opfer scheinen auf den ersten Blick achtbare Bürger gewesen zu sein, doch stellt sich bei genaueren Nachforschungen sehr bald heraus, daß auch sie Frauen grausam mißhandelt haben. Wenn nun aber der Mord die Rache eines Opfers an Mördern und Vergewaltigern ist, muß Wallander sich beeilen, bevor das nächste, noch grausamere Verbrechen geschieht...



Meine Meinung:

Ich liebe die Wallander-Reihe und habe sie bis zum sechsten Band alle gelesen. Dann bin ich irgendwie bei "Die fünfte Frau" nicht weitergekommen. Zuviel anderes lag noch ungelesen auf meinem Nachttisch. Warum also nicht mal als Hörbuch probieren?

Da ich die Figuren kannte und auch die Plot schon angelesen hatte, konnte ich mich gut in die Story reinfinden. Schwieriger ist es sicher für Hörer, die noch nie etwas von Wallander gehört oder gelesen haben. Hier kann ich nur empfehlen, die Reihe wirklich von vorn zu beginnen, da man einige Zusammenhänge sonst nicht mitbekommt und die Figuren auch nicht weiter erklärt werden.

Zwar sind die Fälle immer in sich abgeschlossen, aber die Figuren, die immer wieder auftauchen, machen eine Entwicklung durch, verändern sich, gehen Beziehungen ein usw.

Zudem habe ich bei Wallander eigentlich immer so ein "Ystadt-Gefühl, eigentlich muss man diese Krimis im Winter lesen, mit all dem schonischen Nebel und seinem immer irgendwie melancholischen Kommissar.

Das alles kann in so einem Hörspiel natürlich nicht transportiert werden. Dafür sind die Bücher viel zu komplex.

Und ich weiß nicht, ob es an dieser Komplexität liegt, dass ich ein Problem mit der eigentlich titelgebenden Rahmenhandlung hatte, die sich für mich nur schwer in den Zusammenhang mit den grausamen Morden an den verschiedenen Männern bringen ließ.

Ich kann dazu jetzt leider nicht mehr schreiben, ohne zuviel zu verraten.
Nur soviel: Das war mir dann doch ein wenig zu sehr an den Haaren herbeigezogen.

Lag es daran, dass beim Hörspiel da einfach gekürzt werden musste? Oder hat Mankell für die Morde an den Männern keine rechte Erklärung gefunden?

Auch gingen mir die plakativen Männer-Frauen-Vergleiche im Buch ziemlich auf den Keks (O-Ton: "So fährt nur ein Mann!" - Na, wenn das Polizeiarbeit ist?) .


Fazit:

Keine Frage, die verschiedene Fälle sind spannend und oft auch grausam, aber kann man die Rahmenhandlung derart mit der eigentlichen Geschichte verknüpfen? - Hier schien "Die fünfte Frau" für mich zusammenhangslos und die anderen Fälle irgendwie übergestülpt.


Ändert aber nichts daran, dass ich die Wallander-Reihe sehr mag. Werde sie aber zukünftig doch lieber wieder lesen.







Dienstag, 25. April 2017

REZENSION: Blutschrift (Hörspiel)

Titel: Blutschrift
Autorin: Ruth Rendell
Länge: 1 CD, 51min.
Sprecher: Hannelore Hoger u.a.



Kurzinhalt:

Als die großbürgerliche Familie Coverdale die tüchtige Eunice als Haushälterin einstellt, ahnt sie nicht, dass damit das Schicksal der Familie besiegelt ist - denn mit ihr hat sie sich den Tod ins Haus geholt .
Ein Meisterwerk der "Queen of Crime"!



Meine Meinung:

"Blutschrift" habe ich schon mehrfach gehört - das erste Mal beim "Hörbuchkino unterm Sternenhimmel". Schon damals ist es mir aufgrund seiner hervorragenden Sprecher, aber auch der Story in Erinnerung geblieben, die eher an eine Charakterstudie erinnert.

Vor allem Hannelore Hoger, die man sonst als toughe Bella Block kennt, glänzt hier in leicht beschränkt-debiler Sprechweise, die ihre Figur mit sich bringt.
Als Haushälterin Eugenice ist sie eine Einzelgängerin, sehr zurückgezogen, was wohl auch ihr Analphabetentum mit sich bringt, das sie zu verbergen sucht.

Ausgerechnet im bildungsnahen Haushalt der Coverdales trifft sie immer wieder auf das gesprochene Wort und damit auf die eine oder andere Stolperfalle.

Es ist interessant zu sehen, wie ihre Arbeitsgeber zunächst begeistert von ihr sind, sich dann jedoch immer mehr von ihr abwenden, ja sie loswerden wollen, weil Eugenice merkwürdige Verhaltensweisen an den Tag legt, die ihre Ursache in ihrer Unfähigkeit zu lesen haben.
Darauf kommt diese Familie jedoch gar nicht erst, da es ihrem Horizont regelrecht fern liegt.

Umgekehrt bleibt Eugenice auch diese Familie mit ihrem so ganz anderen Interessen fremd. Während sie am liebsten den ganzen Tag fernsieht, lieben die Coverdales Opern.

Ausgerechnet in der Klatschtante des Dorfes, Joan Smith, findet Eugenice eine Freundin. Die gottesfanatische Frau nimmt sie scheinbar so an, wie sie ist, während sie gleichzeitig den Hass Eugenices auf ihre vermeintlich "sündigen" Arbeitgeber schürt.

Es ist grausam mitanzuhören, wie manipulierbar diese einfache Frau doch ist und wie sich die seelische Unterdrückung, die sie wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang empfunden oder sogar erlebt hat sich schließlich in einem gewaltigen Bluttat entlädt.

Dass die Geschichte "Blutschrift" heißt, erscheint in diesem Kontext mehr als makaber.


Fazit:

Erschreckende Charakterstudie, die lange nachwirkt. Ein Hörbuch, das nichts an seiner Kraft verliert, so oft man es auch hört.




Sonntag, 23. April 2017

REZENSION: Marthas Widerstand

Titel: Marthas Widerstand
Autorin: Kerry Drewery
Seiten: 426
Verlag: Bastei Lübbe



Kurzinhalt:

Martha ist des Mordes angeklagt und sitzt in der ersten von sieben Zellen. Sieben Tage lang stimmt das gesamte Volk darüber ab, ob sie freigesprochen oder in eine kleinere Zelle verlegt wird. Die siebte und letzte Zelle ist klaustrophobisch klein, und genauso klein sind Marthas Chancen auf einen Freispruch. Denn die Umfragen zeigen, dass der Großteil der Bevölkerung sie sterben sehen will -
Doch was wäre, wenn Martha genau darauf spekuliert. Um dem Volk zu zeigen, dass es nicht in einer perfekten Demokratie lebt, sondern von den Machthabern perfide manipuliert wird? Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt, bei dem viel mehr als ein einzelnes Menschenleben auf dem Spiel steht ...

Spannende Mischung aus Thriller und Dystopie rund um ein packendes Gedankenspiel: Was wäre, wenn nur noch über Fernsehvotings Recht gesprochen würde?



Meine Meinung:

Nach der Kurzbeschreibung des Buches war für mich sofort klar, dass ich es lesen muss.
Die Vorstellung über eine Veränderung des Rechtssystems, das dahin geht, dass das gesamte Volk über Leben und Tod bestimmen soll, wirkt jedoch nur auf den ersten Blick demokratisch.

Denn tatsächlich unterteilt sich "das Volk" in einen sehr armen Teil, der in den (Wolken)Kratzern wohnt, und einen reichen, der es sich überhaupt erst leisten kann, an der Abstimmung teilzunehmen, welche nur über Telefon- und Online-Voting mit entsprechenden Kosten erfolgen kann.

Die Meinungsbildung wird dabei durch eine TV-Sendung nicht nur gefördert, sondern vor allem auch perfide beeinflusst. Die tägliche Übertragung von "Death is justice" liest sich dabei wie eine Regieanweisung, bei der der Leser verfolgen kann, was jeder Moderator einzeln sagt (zu sagen hat?), wer wo steht, was der Zuschauer zu sehen bekommt. Und was eben nicht.

Dieser literarische Kniff wirkt erschreckend realistisch, zumal man automatisch an bereits heute existierende Formate erinnert wird.

Und man beginnt zu ahnen, dass die Manipulation von Fakten, die immer wieder kritisierten "Fake News" nicht nur erschreckend aktuell sind, sondern Menschen in den Untergang treiben können.

Denn die Autorin macht mehr als deutlich, dass letztlich der die Meinung beeinflusst, der ausreichend Geld zur Verfügung hat - und damit die Macht.
Wobei es unmöglich erscheint, in der vor ihr geschaffenen Gesellschaft dagegen anzugehen, die dieses System als "demokratisch" verkauft.

Die Menschen wollen nicht nachdenken, sondern in erster Linie unterhalten werden, auch auf Kosten unschuldiger Menschenleben unter dem Deckmantel der "Gerechtigkeit" und vermeintlichen "Sicherheit".

Ohnmächtig muss man mit ansehen, wie Martha mehr und mehr medial zum Monster gemacht wird, wobei kein wirkliches Interesse an Fakten zu bestehen scheint, während man ihren Weg von Zelle eins bis sieben lesend verfolgt und selbst die klaustrophobische Enge zunehmend nicht nur aufgrund der sich verkleinernden Räumlichkeiten verspürt.

Einzig der Titel "Marthas Widerstand" lässt den kleinen Funken Hoffnung, dass das Unvermeidliche noch abgewendet werden kann. Tatsächlich ist dadurch von Anfang an klar, dass Martha sich freiwillig in das Räderwerk dieses Rechtssystems begeben hat.
Fast bis zum Schluss bleibt jedoch die Frage offen, wie sich ein junges Mädchen aus den Kratzern in diesen perfiden Zellen allein gegen eine ganze, zum größten Teil offenbar blinde Gesellschaft vorgehen will.

Dies macht einen zusätzlichen Teil der Spannung des Buches aus. Zumal sie selbst irgendwann zu zweifeln beginnt, ob sie das richtige tut, je mehr ihre Kräfte sie verlassen.


Fazit:

Erschreckende Dystopie, die bereits an unserer heutigen Realität kratzt.

Nur wer wirklich hinsehen möchte, erkennt die kleinen Details, wobei es ein Verdienst der Autorin ist, dieses kleine "Ja, aber..." beim Leser zu erzeugen, obwohl er oft auch nicht mehr weiß, als die "Bevölkerung".




Freitag, 21. April 2017

REZENSION: Rückkehr ins Leben



Autorin:       Clare Ashton
Seiten:         260
Verlag:         Krug & Schadenberg


Kurzinhalt (Verlagstext):
Ein Dorf an der Küste Cornwalls. In dem kleinen Supermarkt folgen ihr die verstohlenen Blicke und das Geflüster der Einheimischen. Deshalb geht Lucy am liebsten gar nicht mehr aus dem Haus.
Sie trauert. Um Jake, ihren Lebensgefährten, der ein Jahr zuvor bei einem Autounfall ums Leben kam.
Doch da ist noch mehr: Neben Trauer und Verlustschmerz nagen Schuldgefühle an Lucy. Doch warum eigentlich? Dass die Bremsen versagt haben, lag schließlich an der Nachlässigkeit der Autowerkstatt…

Daneben wächst Lucys Unbehagen: Bildet sie es sich ein oder wird sie tatsächlich verfolgt? Wer streicht in der Dunkelheit um ihr Cottage herum? Wer hat sich die Stolperfalle auf ihrer Joggingstrecke einfallen lassen? Und was will Jakes Bruder Ben wirklich von ihr?
Die Begegnung mit Karen und ihrem vierjährigen Sohn George, die in das Gutshaus in der Nähe einziehen, lockt Lucy langsam aus ihrer Verschlossenheit hervor. Der kleine George berührt ihr Herz auf ganz eigene Weise, und zwischen den beiden Frauen entsteht eine Freundschaft, aus der mehr werden könnte …


Meine Meinung:
„Rückkehr ins Leben“ beginnt an einem Ort, der zunächst überhaupt nicht geeignet scheint als Ausgangspunkt für einen Neuanfang:
In einem Dorf, das durch seine in sich abgeschlossene Gesellschaft vor allem Beobachtungsraum zu sein scheint, ein regelrechter Käfig aus dem es kein Entkommen gibt, Brennglas für jede Emotion, so sehr man sie auch verstecken mag.

Man fühlt als Leserin automatisch mit Lucy mit, die regelrecht auf der Flucht vor den Blicken und dem Getuschel zu sein scheint – sei es auf ihrem Rad oder laufend durch die wundervolle Landschaft Cornwalls.

Sprachgewaltig beschreibt Clare Ashton den Verlust, die Trauer und den Schmerz, den Lucy seit dem Unfalltod ihres Lebensgefährten Jake dabei stets mit sich trägt und dem sie nicht davonlaufen kann.
Jake manifestiert sich regelrecht als Geist, der Lucy bis in ihr altes Cottage verfolgt, in dem er noch mit ihr „lebt“ und das auch nach einem Jahr ihre innere Verwahrlosung äußerlich widerspiegelt.

Es ist die neue Nachbarin Karen, die Lucy in ihrer Ruhelosigkeit erstmals wieder ein wenig inne halten lässt.

Diese von außen zugezogene Frau, die in ihr eigenes Schicksal verstrickt ist, wird für Lucy zu einer angenehmeren Gesellschaft als die tuschelnden Bewohner des Dorfes, denen keine Bewegung entgeht.

Allein die Beschreibung ihres ersten richtigen Mittagessens seit langem ist symptomatisch für die Sprachgewalt der Autorin, so dass man als Leserin zusammen mit Lucy inne hält und jede Geschmacksknospe mit zu spüren scheint.

Die bildgewaltige Sprache des Buches hat mich von Anfang an gefangen genommen – was für eine Leistung der Übersetzerin Andrea Krug, all diese Poesie und Greifbarkeit der verschiedenen Gefühle auch in deutschen Wörtern zu finden!

Man wünscht Lucy in diesem Augenblick den Fortgang des Genusses, nicht nur auf das Essen beschränkt, die Rückkehr all ihrer Sinne, die sich nur noch auf Trauer und Schuld zu beschränken scheinen – eben die Rückkehr ins Leben.

So wird der kleine Sohn von Karen, George, zum Synonym für Trauerbewältigung mit all seiner kindlichen Freude, für den jeder Tag neu und jede Träne schnell vergessen ist und der auch den etwas tollpatschigen Umgang von Lucy mit ihm schnell verzeiht.

Doch auch wenn der hoffnungsfrohe Titel dies vermuten lässt, so ist die „Rückkehr ins Leben“ genauso steinig und rau, wie die Küste Cornwalls, die so wunderbar passend auf dem Cover dargestellt ist.

Lucy scheint nicht inne halten zu dürfen: sie fühlt sich auf einmal verfolgt und immer wieder passieren Dinge, die dieses Gefühl schmerzhaft Realität werden lassen.

Dabei werden die Verstrickungen des Dorfes, in denen die Trauernde verfangen ist, immer deutlicher. Verantwortlichkeiten für Gefühle, aber auch Geschehnisse, denen man im Prinzip nicht aus dem Weg gehen kann.


Fazit:
Bitte mehr von Clare Ashton!

„Rückkehr ins Leben“ ist keine geradlinige Geschichte, deren Ende vorausschaubar ist. Vielmehr führt sie überraschend – auch real innerhalb des Dorfes – in eine Sackgasse, aus der es zunächst keinen Ausweg zu geben scheint.
Man leidet und liebt mit der Protagonistin atemlos bis zum Schluss.